YALLAH HOBBI Autor · Musiker · Produzent

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Warum fühlen sich immer mehr Menschen trotz sozialer Medien allein?

Autor: 15 Min. Lesezeit

Freundschaften, Einsamkeit, digitale Nähe und die Frage, warum ständige Vernetzung nicht automatisch Verbundenheit schafft

Eine junge Frau liegt nachts nachdenklich und unglücklich mit ihrem Smartphone im Bett – Titelbild zum Thema Einsamkeit trotz sozialer Medien.

Stand: 29. September 2026

Noch nie war es so einfach, jemanden zu erreichen.

Eine Nachricht braucht Sekunden. Freunde, Verwandte und ehemalige Kollegen können über Ländergrenzen hinweg miteinander verbunden bleiben. Wer allein zu Hause sitzt, kann gleichzeitig in mehreren Chats schreiben, Videos ansehen, kommentieren, reagieren und verfolgen, was andere Menschen gerade tun.

Und trotzdem kann sich ein Mensch nach zwei Stunden auf dem Smartphone einsamer fühlen als vorher.

Dieser Widerspruch ist kein Beweis dafür, dass soziale Medien Menschen zwangsläufig einsam machen. Dafür ist die Forschung zu differenziert. Er zeigt aber, dass Kontakt und Verbundenheit nicht dasselbe sind.

Ein Mensch kann hunderte Kontakte haben und niemanden, den er nachts anrufen würde. Er kann täglich Nachrichten bekommen und sich trotzdem unverstanden fühlen. Er kann ständig sehen, wie andere leben, feiern, reisen oder Beziehungen führen – und dabei das Gefühl entwickeln, selbst außerhalb dieses Lebens zu stehen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Machen soziale Medien einsam?

Sondern: Wann helfen sie uns, Beziehungen zu pflegen – und wann erzeugen sie nur das Gefühl, verbunden zu sein?

Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Alleinsein

Einsamkeit wird häufig mit fehlenden Kontakten verwechselt.

Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet klar zwischen sozialer Isolation und Einsamkeit.

Soziale Isolation beschreibt einen eher objektiven Zustand: Ein Mensch hat nur wenige Beziehungen, Rollen oder regelmäßige soziale Kontakte.

Einsamkeit ist dagegen subjektiv. Sie entsteht, wenn zwischen den Beziehungen, die jemand tatsächlich hat, und den Beziehungen, die er sich wünscht oder benötigt, eine schmerzhafte Lücke entsteht.

Deshalb kann jemand allein leben und sich nicht einsam fühlen.

Und jemand kann verheiratet sein, täglich mit Kollegen sprechen, viele Freunde in sozialen Netzwerken haben und trotzdem einsam sein.

Diese Unterscheidung ist entscheidend, wenn über soziale Medien gesprochen wird. Denn Plattformen können die Zahl der Kontakte erhöhen, ohne automatisch die Qualität der Beziehungen zu verbessern.

Einsamkeit ist kein Randphänomen

Die WHO-Kommission für soziale Verbundenheit veröffentlichte 2025 ihren großen Bericht über Einsamkeit und soziale Isolation.

Nach den dort zusammengetragenen Daten erlebt weltweit ungefähr jeder sechste Mensch Einsamkeit. Besonders hoch sind die Werte bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Bei Jugendlichen liegt der Anteil nach Angaben der WHO bei etwa 21 Prozent.

Damit ist Einsamkeit kein Problem einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe und auch kein ausschließliches Thema des hohen Alters.

Sie betrifft Menschen in unterschiedlichen Ländern, Altersgruppen und Lebenssituationen.

Die Ursachen sind vielfältig: gesundheitliche Probleme, Trennungen, Umzüge, finanzielle Schwierigkeiten, der Verlust von Angehörigen, geringe soziale Unterstützung, Diskriminierung oder große Veränderungen im eigenen Leben.

Soziale Medien sind deshalb niemals die einzige Erklärung.

Sie sind vielmehr Teil einer Gesellschaft, in der sich die Art verändert hat, wie Menschen miteinander kommunizieren und Beziehungen pflegen.

Mehr Kontakte bedeuten nicht automatisch mehr Nähe

Eine der großen Stärken sozialer Medien ist ihre Reichweite.

Menschen, die früher nach einem Umzug oder Schulwechsel fast vollständig aus dem eigenen Leben verschwunden wären, können heute über Jahre hinweg erreichbar bleiben.

Familien können über Kontinente hinweg Kontakt halten. Migranten können mit Angehörigen im Herkunftsland sprechen. Menschen mit seltenen Erkrankungen, besonderen Interessen oder gesellschaftlicher Ausgrenzung können Gemeinschaften finden, die in ihrer unmittelbaren Umgebung möglicherweise gar nicht existieren.

Das ist reale soziale Verbindung.

Doch dieselben Plattformen können eine zweite Form von Kontakt erzeugen: Beziehungen, die sichtbar, aber dünn sind.

Man kennt den Namen. Man sieht die Fotos. Man reagiert gelegentlich mit einem Emoji. Man weiß vielleicht, wo jemand Urlaub macht oder welches Restaurant besucht wurde.

Aber man weiß nicht, wie es dieser Person wirklich geht.

Digitale Netzwerke machen es möglich, sehr viele Beziehungen gleichzeitig auf einem niedrigen Intensitätsniveau aufrechtzuerhalten. Das kann nützlich sein. Problematisch wird es, wenn diese Kontakte als Ersatz für Beziehungen verstanden werden, in denen Vertrauen, Verlässlichkeit und gegenseitige Unterstützung entstehen.

Ein „Gefällt mir“ ist eine soziale Reaktion.

Es ist aber nicht automatisch Nähe.

Warum ständige Erreichbarkeit Nähe sogar unsichtbarer machen kann

Früher war Kontakt häufig ein Ereignis.

Man telefonierte bewusst. Man besuchte jemanden. Man schrieb einen Brief. Man vereinbarte einen Treffpunkt.

Heute läuft Kommunikation oft permanent im Hintergrund.

Eine Nachricht hier. Ein Foto dort. Eine Sprachnachricht, die später beantwortet wird. Ein kurzes Video. Ein Meme. Eine Reaktion auf eine Story.

Diese Kommunikation ist nicht wertlos. Im Gegenteil: Kleine alltägliche Interaktionen können Beziehungen erhalten.

Aber permanente Kommunikation kann auch eine Illusion erzeugen.

Weil ständig etwas passiert, fühlt es sich an, als sei man ständig mit anderen Menschen verbunden. Gleichzeitig können Gespräche seltener werden, in denen jemand wirklich zuhört, nachfragt oder längere Zeit bei einem Thema bleibt.

Es entsteht viel Kommunikation, aber nicht zwangsläufig viel Begegnung.

Das Problem ist nicht einfach die Bildschirmzeit

Die Forschung macht einen wichtigen Unterschied, der in öffentlichen Diskussionen oft verloren geht.

Es wäre zu einfach zu sagen:

Je mehr Zeit auf Social Media, desto einsamer der Mensch.

Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse untersuchte 59 Studien mit insgesamt mehr als 81.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Das Ergebnis war differenziert.

Die reine Zeit, die Menschen auf sozialen Medien verbringen, zeigte nur einen kleinen Zusammenhang mit Einsamkeit.

Deutlich stärker war der Zusammenhang bei problematischer Social-Media-Nutzung – also bei Nutzungsmustern, die zwanghaft werden, schwer kontrollierbar sind oder andere Bereiche des Lebens beeinträchtigen.

Die Autoren fanden für problematische Nutzung einen moderaten Zusammenhang mit größerer Einsamkeit. Für die bloße Nutzungsdauer war der Zusammenhang erheblich kleiner.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Zwei Menschen können täglich zwei Stunden auf sozialen Plattformen verbringen und vollkommen unterschiedliche Erfahrungen machen.

Der eine organisiert dort reale Treffen, spricht mit engen Freunden und bleibt mit seiner Familie in Kontakt.

Der andere scrollt zwei Stunden durch Inhalte, vergleicht sich mit anderen und beendet die Nutzung mit dem Gefühl, selbst nicht dazuzugehören.

Die Uhr allein erklärt diesen Unterschied nicht.

Soziale Medien machen nicht automatisch einsam

Auch das muss deutlich gesagt werden.

Eine 2025 veröffentlichte wissenschaftliche Übersichtsarbeit kommt zu dem Ergebnis, dass soziale Medien insgesamt nur schwach mit Einsamkeit zusammenhängen und vergleichsweise wenig erklären, wenn andere Faktoren berücksichtigt werden.

Die Forschung liefert keinen Beweis für die einfache Behauptung:

Social Media verursacht Einsamkeit.

Das Verhältnis kann in beide Richtungen verlaufen.

Menschen, die bereits einsam sind, können häufiger soziale Medien nutzen, weil sie Kontakt suchen.

Gleichzeitig können bestimmte Nutzungsformen bestehende Einsamkeit verstärken.

Andere Nutzungsformen können Verbundenheit fördern.

Die interessanteste Frage ist deshalb nicht, ob soziale Medien „gut“ oder „schlecht“ sind.

Entscheidend ist, was ein Mensch dort tut, mit wem er interagiert und was die Nutzung mit seinem realen sozialen Leben macht.

Der Unterschied zwischen Beobachten und Teilnehmen

Ein soziales Netzwerk kann sich anfühlen wie ein großer Raum voller Menschen.

Doch nicht jeder befindet sich in diesem Raum auf dieselbe Weise.

Manche schreiben, diskutieren, organisieren Treffen und führen Gespräche.

Andere beobachten hauptsächlich.

Sie sehen Hochzeiten, Geburtstage, Reisen, Beförderungen, neue Wohnungen, Restaurants, Freundesgruppen und glückliche Momente.

Das Problem ist nicht, dass diese Bilder grundsätzlich falsch wären.

Das Problem ist die Auswahl.

Menschen veröffentlichen selten den vollständigen Durchschnitt ihres Lebens. Sie veröffentlichen Ausschnitte.

Wer diese Ausschnitte hintereinander sieht, vergleicht möglicherweise den eigenen Alltag mit den Höhepunkten dutzender anderer Menschen.

Ein einzelnes Urlaubsfoto ist harmlos.

Hundert solcher Bilder können den Eindruck erzeugen, alle anderen seien ständig unterwegs, erfolgreich, verliebt, eingeladen oder glücklich.

Das eigene ruhige Wochenende wirkt daneben plötzlich wie ein persönliches Defizit.

Wenn Vergleich zur sozialen Messlatte wird

Menschen haben sich schon immer verglichen.

Soziale Medien haben diesen Mechanismus nicht erfunden.

Sie haben ihm aber eine neue Geschwindigkeit und Reichweite gegeben.

Früher verglich man sich vielleicht mit Nachbarn, Kollegen oder einigen Freunden.

Heute kann der Vergleich innerhalb weniger Minuten Menschen aus verschiedenen Ländern, sozialen Schichten und Lebenswelten umfassen.

Dazu kommt, dass Plattformen besonders auffällige Inhalte bevorzugt sichtbar machen können.

Außergewöhnliche Reisen, spektakuläre Körper, luxuriöse Wohnungen, überraschende Erfolge oder emotionale Beziehungen erzeugen Aufmerksamkeit.

Der gewöhnliche Dienstag eines zufriedenen Menschen ist deutlich weniger sichtbar.

Dadurch entsteht ein verzerrter Maßstab.

Nicht unbedingt, weil jemand bewusst täuschen möchte, sondern weil soziale Medien aus vielen individuellen Auswahlentscheidungen eine gemeinsame Bühne bauen, auf der das Außergewöhnliche überproportional präsent ist.

Fear of Missing Out: Das Gefühl, dass das eigentliche Leben woanders stattfindet

Für dieses Phänomen hat sich der Begriff Fear of Missing Out, kurz FoMO, etabliert.

Gemeint ist die Sorge, dass andere gerade etwas erleben, an dem man selbst nicht teilnimmt.

Ein Abend zu Hause kann vollkommen angenehm sein.

Bis auf dem Bildschirm zu sehen ist, dass Freunde gemeinsam essen, feiern oder verreist sind.

Plötzlich verändert sich die Bedeutung des eigenen Abends.

Nicht, weil sich objektiv etwas geändert hätte.

Sondern weil sichtbar geworden ist, was gleichzeitig anderswo passiert.

Social Media hat aus diesem früher eher gelegentlichen Gefühl eine potenziell permanente Erfahrung gemacht.

Man muss nicht mehr erfahren, dass eine Veranstaltung stattgefunden hat.

Man kann sie nahezu in Echtzeit verfolgen.

Das kann Zugehörigkeit schaffen, wenn man beteiligt ist.

Es kann Ausschluss sehr deutlich machen, wenn man es nicht ist.

Viele Freundschaften werden leichter erhalten – aber nicht automatisch tiefer

Soziale Medien lösen ein echtes Problem moderner Lebensläufe.

Menschen ziehen um. Sie wechseln Arbeitsplätze. Sie studieren in anderen Städten. Familien leben in verschiedenen Ländern. Freundeskreise verteilen sich geografisch.

Digitale Kommunikation verhindert, dass jede räumliche Trennung automatisch zum Ende einer Beziehung führt.

Das ist ein enormer Vorteil.

Aber Beziehungen benötigen mehr als Erreichbarkeit.

Tiefe entsteht häufig durch gemeinsame Erfahrungen, Vertrauen, Verlässlichkeit, Konflikte, Versöhnung, wiederholte Begegnungen und das Gefühl, dass jemand verfügbar ist, wenn es wirklich wichtig wird.

Eine Freundschaft kann über Nachrichten gepflegt werden.

Sie kann aber auch langsam zu einem Kontakt werden, bei dem beide Menschen noch wissen, was der andere veröffentlicht – aber kaum noch wissen, was ihn beschäftigt.

Der Unterschied ist subtil.

Und gerade deshalb fällt er manchmal lange nicht auf.

Warum man sich in einer Gruppe trotzdem ausgeschlossen fühlen kann

Einsamkeit bedeutet nicht zwingend, niemanden zu haben.

Manchmal bedeutet sie, sich in bestehenden Beziehungen nicht gesehen zu fühlen.

Gruppenchats zeigen dieses Problem besonders deutlich.

Ein Mensch kann Mitglied mehrerer Gruppen sein, täglich Nachrichten erhalten und dennoch das Gefühl haben, dass seine eigene Anwesenheit keinen Unterschied macht.

Er liest mit.

Er reagiert.

Aber wenn er mehrere Tage nichts schreibt, fragt möglicherweise niemand nach.

Das Gefühl von Zugehörigkeit entsteht nicht allein dadurch, technisch Teil einer Gruppe zu sein.

Menschen möchten erleben, dass ihre Anwesenheit wahrgenommen wird.

Dass jemand sie vermisst.

Dass eine Beziehung nicht nur besteht, weil eine Plattform sie in einer Kontaktliste gespeichert hat.

Junge Menschen sind besonders betroffen – aber nicht nur sie

Die WHO-Daten zeigen besonders hohe Einsamkeitswerte unter jungen Menschen.

Das wirkt zunächst paradox.

Gerade Jugendliche und junge Erwachsene sind häufig besonders stark digital vernetzt.

Doch diese Lebensphase enthält gleichzeitig viele soziale Übergänge.

Schulwechsel, Studium, erste Arbeitsstellen, Umzüge, Partnerschaften, Trennungen und die Suche nach der eigenen Identität können bestehende soziale Strukturen verändern.

Soziale Medien laufen durch all diese Veränderungen hindurch.

Sie können Stabilität bieten, weil alte Kontakte erreichbar bleiben.

Sie können aber auch jeden sozialen Vergleich verstärken.

Erwachsene erleben andere Formen von Einsamkeit: berufliche Belastung, Familienverantwortung, Trennung, Umzug oder das schleichende Verschwinden enger Freundschaften aus dem Alltag.

Bei älteren Menschen kann digitale Kommunikation wiederum besonders wertvoll sein, wenn Mobilität eingeschränkt ist oder Familien weit entfernt leben.

Auch hier ist die Forschung nicht eindeutig negativ. Meta-Analysen zu älteren Erwachsenen untersuchen ausdrücklich, unter welchen Umständen soziale Medien Einsamkeit verringern können.

Es gibt deshalb nicht die eine Wirkung sozialer Medien.

Es gibt unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen mit unterschiedlichen Nutzungsweisen.

Wenn der Feed das Gefühl ersetzt, jemanden wirklich zu kennen

Soziale Medien liefern Informationen über andere Menschen.

Aber Information ist nicht automatisch Beziehung.

Wer täglich die Beiträge eines ehemaligen Freundes sieht, kann das Gefühl haben, weiterhin an dessen Leben teilzunehmen.

Vielleicht weiß man, wohin er gereist ist, was er gegessen hat und mit wem er unterwegs war.

Doch wenn man sich nach zwei Jahren persönlich trifft, stellt man möglicherweise fest, wie wenig man über die wichtigen Dinge weiß.

Wie geht es ihm wirklich?

Was macht ihm Sorgen?

Was hat sich verändert?

Was beschäftigt ihn nachts?

Ein Feed kann Vertrautheit simulieren.

Nähe benötigt meistens mehr.

Algorithmen sind nicht die ganze Erklärung

Es wäre verlockend, das Problem vollständig auf Algorithmen zu schieben.

Auch das wäre zu einfach.

Plattformen bestimmen tatsächlich mit, welche Inhalte sichtbar werden. Systeme optimieren Feeds nach verschiedenen Signalen wie Aufmerksamkeit, Interaktion oder vermutetem Interesse.

Das beeinflusst, was Menschen sehen.

Doch Einsamkeit entsteht nicht allein durch einen Empfehlungsalgorithmus.

Sie hat persönliche, soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ursachen.

Ein Mensch kann sich einsam fühlen, weil er umgezogen ist.

Weil eine Beziehung endete.

Weil Freunde Kinder bekommen haben und weniger Zeit haben.

Weil Arbeit den Alltag dominiert.

Weil Krankheit Begegnungen erschwert.

Weil er sich in seiner Umgebung nicht akzeptiert fühlt.

Technologie kann solche Situationen verschärfen oder abfedern.

Sie ersetzt aber nicht die gesamte Erklärung.

Warum soziale Medien für einsame Menschen trotzdem wertvoll sein können

Gerade Menschen, die sich isoliert fühlen, können online etwas finden, das ihnen offline fehlt.

Eine Gemeinschaft.

Andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen.

Informationen.

Gesprächspartner.

Für Minderheiten, Menschen mit seltenen Erkrankungen, Migranten, Menschen mit Behinderungen oder Personen in abgelegenen Regionen können digitale Räume eine Bedeutung haben, die von außen leicht unterschätzt wird.

Auch introvertierte oder sozial unsichere Menschen können online Kontakte leichter beginnen.

Die entscheidende Frage ist, ob diese Kontakte langfristig Verbindung schaffen oder lediglich kurzfristig das Gefühl von Leere überdecken.

Eine digitale Freundschaft kann eine echte Freundschaft sein.

Eine Beziehung muss nicht im selben Raum stattfinden, um bedeutsam zu sein.

Aber auch digitale Beziehungen benötigen Gegenseitigkeit, Vertrauen und Aufmerksamkeit.

Was problematische Nutzung verändert

Problematische Social-Media-Nutzung bedeutet nicht einfach, „viel online“ zu sein.

Problematisch wird Nutzung eher dann, wenn sie schwer kontrollierbar wird und andere Bereiche verdrängt.

Wenn jemand eigentlich schlafen möchte, aber weiter scrollt.

Wenn ein Treffen weniger interessant erscheint als der Feed.

Wenn die eigene Stimmung zunehmend davon abhängt, wie viele Reaktionen ein Beitrag erhält.

Wenn soziale Medien nicht mehr hauptsächlich Werkzeug oder Unterhaltung sind, sondern zur automatischen Antwort auf Langeweile, Stress oder Einsamkeit werden.

Hier entsteht ein Kreislauf.

Ein Mensch fühlt sich schlecht und öffnet eine Plattform, um Ablenkung oder Verbindung zu finden.

Kurzzeitig funktioniert das.

Danach fühlt er sich möglicherweise genauso einsam – oder durch Vergleiche noch schlechter.

Also öffnet er die Plattform erneut.

Gerade deshalb ist der Zusammenhang zwischen problematischer Nutzung und Einsamkeit in der Forschung deutlich stärker als der Zusammenhang mit bloßer Nutzungsdauer.

Was echte Verbundenheit ausmacht

Die WHO beschreibt soziale Verbindung nicht nur über die Anzahl von Beziehungen.

Sie betrachtet auch deren Funktion und Qualität.

Das ist ein hilfreicher Maßstab.

Eine Beziehung ist nicht allein deshalb wertvoll, weil sie existiert.

Entscheidend ist auch:

Kann ich dieser Person vertrauen?

Kann ich Hilfe bekommen?

Kann ich selbst Unterstützung geben?

Fühle ich mich respektiert?

Kann ich ehrlich sein?

Kann ich schweigen, ohne ständig etwas darstellen zu müssen?

Diese Fragen lassen sich nicht in Followerzahlen übersetzen.

Ein Mensch mit drei belastbaren Beziehungen kann sozial stärker verbunden sein als jemand mit dreitausend Kontakten.

Warum Einsamkeit gesellschaftlich relevant ist

Einsamkeit wird häufig als privates Gefühl behandelt.

Doch ihre Folgen reichen weiter.

Die WHO weist darauf hin, dass soziale Isolation und Einsamkeit nicht nur mit psychischer Belastung, sondern auch mit körperlicher Gesundheit und erhöhter Sterblichkeit zusammenhängen.

Der Bericht der WHO-Kommission beschreibt soziale Verbundenheit deshalb ausdrücklich als relevantes Thema für öffentliche Gesundheit und Gesellschaft.

Das bedeutet nicht, dass jedes einsame Wochenende medizinisiert werden sollte.

Vorübergehende Einsamkeit gehört zum menschlichen Leben.

Problematisch wird sie, wenn sie dauerhaft wird und Menschen kaum noch Wege sehen, stabile Beziehungen aufzubauen oder zu erhalten.

Dann betrifft sie nicht nur individuelle Lebenszufriedenheit, sondern auch Bildung, Arbeit, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Was gegen digitale Einsamkeit helfen kann

Die naheliegende Antwort wäre: Smartphone weglegen.

So einfach ist es nicht.

Für manche Menschen würde weniger Social Media helfen.

Für andere würde es wichtige Kontakte abschneiden.

Sinnvoller ist die Frage:

Welche Nutzung führt nachher zu mehr Verbundenheit – und welche hinterlässt nur mehr Leere?

Einige praktische Unterschiede sind bemerkenswert.

Ein persönliches Gespräch ist etwas anderes als endloses Scrollen.

Eine Nachricht an einen konkreten Menschen ist etwas anderes als das Beobachten von hundert fremden Leben.

Ein digital vereinbartes Treffen kann soziale Medien zum Ausgangspunkt echter Begegnung machen.

Ein Gruppenchat kann Unterstützung schaffen, wenn Menschen tatsächlich füreinander da sind.

Es geht deshalb weniger um eine pauschale digitale Abstinenz als um die Qualität der Nutzung.

Fünf Fragen, die mehr sagen als die Bildschirmzeit

Wer wissen möchte, ob soziale Medien dem eigenen sozialen Leben guttun, kann sich andere Fragen stellen als nur: „Wie viele Stunden war ich heute online?“

1. Spreche ich mit Menschen oder beobachte ich hauptsächlich andere?

2. Fühle ich mich nach der Nutzung verbundener oder schlechter als vorher?

3. Helfen mir digitale Kontakte dabei, Beziehungen zu pflegen – oder ersetzen sie Begegnungen, die ich eigentlich vermisse?

4. Gibt es Menschen, denen ich ehrlich sagen kann, wenn es mir schlecht geht?

5. Würde jemand bemerken, wenn ich mich für einige Tage vollständig zurückziehe?

Diese Fragen messen keine perfekte soziale Gesundheit.

Aber sie kommen der eigentlichen Bedeutung von Verbundenheit näher als Followerzahlen oder Bildschirmminuten.

Vernetzt sein ist nicht dasselbe wie verbunden sein

Soziale Medien haben Beziehungen nicht abgeschafft.

Sie haben sie verändert.

Sie ermöglichen Nähe über Entfernungen, erhalten Kontakte, schaffen Gemeinschaften und geben Menschen Zugang zu sozialen Räumen, die ohne digitale Technik kaum existieren würden.

Gleichzeitig können sie eine Form von Nähe erzeugen, die hauptsächlich aus Sichtbarkeit besteht.

Man sieht einander.

Man folgt einander.

Man reagiert aufeinander.

Und trotzdem fehlt manchmal das Gefühl, wirklich gemeint zu sein.

Die Forschung spricht deshalb gegen einfache Schuldzuweisungen.

Nicht jede intensive Nutzung macht einsam. Nicht jede digitale Beziehung ist oberflächlich. Und weniger Social Media führt nicht automatisch zu besseren Freundschaften.

Aber eines bleibt unabhängig von der Plattform:

Menschen brauchen nicht nur Kontakt. Sie brauchen Beziehungen, in denen sie sich wahrgenommen, verstanden und gebraucht fühlen.

Ein Bildschirm kann dabei helfen.

Er kann das aber nicht garantieren.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. World Health Organization – Report of the WHO Commission on Social Connection (2025): “From loneliness to social connection: charting a path to healthier societies.”
  2. World Health Organization – Social connection: Questions and answers (30 June 2025).
  3. Feng H-P et al. – Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology (2026): “Exploring the relationship between social media use and loneliness in adolescents and young adults: a systematic review and meta-analysis.”
  4. Hall JA – Annals of the New York Academy of Sciences (2025): “Loneliness and social media.”
  5. Social media in the adult population – Computers in Human Behavior Reports (2025): systematic review on social-media use, well-being, self-esteem, anxiety, depression and loneliness.
  6. Jin J, Kim HK – Journal of Health Psychology (2025): meta-analysis on social-media use and loneliness among older adults.